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Nachtgebet

Kalter Teer rinnt aus den Fingern in die Tastatur. Die Worte wollen nicht, also zwingt er sie. Eins. Nach. Dem. Anderen. Der erkaltete Kaffee auf der Tischecke schaut zu und seufzt.

Gäbe man ihm doch eine Plattform! Ein Podium! Eine Kanzel, um seine Litanei immergleicher Wahngesänge in wartende Ohren zu gießen! Höret, der Herr hat gesprochen, und ich sage euch, das Ende ist nahe! Denn ich habe das Licht gesehen, und das Dunkel, und was interessiert mich das dazwischen! Höret!

Aber weder Kanzel noch Podium oder Plattform wird ihm bereitet. So bleibt nur die Tastatur. Ihr, die ihr nicht hören wollt – nun müsst ihr lesen! Schwerfällig senkt sich der Finger, dann ein weiterer. Wieder ein Wort niedergezwungen! Er analysiert, er seziert, er exekutiert seinen Feind nach allen künstlichen Regeln. Und nach einigen mehr, denn zu einfach will er es sich auch nicht machen. Denn er ist ja ohnehin schon überlegen! Das weiche Brot auf dem Teller schüttelt nur den Kopf.

Kalter Teer tropft schwarz. Tropfen um Tropfen höhlt sich die Welt, schält sich das Herz und häutet sich der Verstand. Und nicht Erkenntnis wächst, sondern nur das Überbein am Handgelenk.